Mit Goodbye | Iterations nimmt Nitsan Margaliots Solo Goodbye in mehreren Stationen in Leipzig Gestalt an.
Im Rahmen der Eröffnung des neuen Projektraums Remiversum im Leipziger Waldstraßenviertel tritt das Solo am 10., 11. und 12. September in einen Dialog mit dem performativen Audiowalk Wenn Wände sprechen von Anne Zacho Søgaard, Hermann Heisig und Camilla M. Fehér. Gemeinsam eröffnen beide Arbeiten ein Programm, das sich mithilfe von Tanz und Performance mit Erinnerungskultur und Stadtgeschichte auseinandersetzt.
An den Nachmittagen lädt Wenn Wände sprechen jeweils um 17:00 Uhr dazu ein, sich hörend durch die Leibnizstraße 24 und ihre wechselvolle Geschichte zu bewegen. Zugleich thematisiert der Audiowalk aus den persönlichen Perspektiven der Künstler*innen den Umgang mit Brüchen und Kontinuitäten innerhalb der Geschichte des Hauses.
Im Anschluss an den Audiowalk wird an den jeweiligen Abenden um 20:00 Uhr das Tanzsolo Goodbye gezeigt. In Goodbye verwandelt Margaliot die Geschichte von Flucht und Sehnsucht, die seine Familie bis heute prägt, in eine choreografische Bewegung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Nach den Vorstellungen am 10. und 11. September ist das Publikum eingeladen, eigene Eindrücke schriftlich festzuhalten und einen „letter to the past" zu formulieren. Nach der dritten Vorstellung von Goodbye am 12. September laden Anne Zacho Søgaard und Hermann Heisig in den Innenhof der Leibnizstraße 24 zu einem informellen Reflektionsformat am Lagerfeuer ein.
Informationen auf einen Blick
Termine:
10., 11. und 12. September 2026
17:00 Uhr: Audiowalk Wenn Wände sprechen
20:00 Uhr: Tanzsolo Goodbye
Ort: Remiversum, Leibnizstraße 24, Leipzig 04105
Startpunkt des Audiowalks: Bürgerverein Waldstraßenviertel, Hinrichsenstraße 10, 04105 Leipzig
Hinweis zum Audiowalk: Für den Audiowalk Wenn Wände sprechen, bringen Sie bitte ein aufgeladenes Smartphone mit Internetzugang (mobile Daten) mit, sowie Kopfhörer.
Hinweis zur Barrierefreiheit: Der Zugang zum Remiversum ist ebenerdig. Die Toiletten sind leider nicht barrierefrei zugänglich.
Kombi-Ticket Wenn Wände sprechen + Goodbye:
12 € Normalpreis | 16 € ermäßigt* | 19 € Solidaritätspreis
Kombitickets sind online erhältlich und berechtigen zum Besuch beider Veranstaltungen – auch an unterschiedlichen Tagen.
Einzeltickets (nur Abendkasse):
Audiowalk Wenn Wände sprechen, 17:00 Uhr:
9 € Normalpreis | 6 € ermäßigt* | 12 € Solidaritätspreis
Tanzsolo Goodbye, 20:00 Uhr:
14 € Normalpreis | 10 € ermäßigt* | 18 € Solidaritätspreis
*Anspruch auf ermäßigten Eintritt haben: Schüler, Studenten, Auszubildende, Wehrdienstleistende, BFD/FSJ-Freiwillige, Schwerbehinderte, Sozialhilfe- oder ALG II-Empfänger, Inhaber des Leipzig-Passes.
Über den Audiowalk "Wenn Wände sprechen"
Wenn Wände sprechen ist ein performativer Audiowalk durch ein Leipziger Haus, die Leibnizstraße 24. Eine Komposition aus Sprache, Klang und Bewegungsanweisungen, die es dem Publikum ermöglicht, sich mithilfe einer Karte für etwa 2 Stunden frei durch Haus und den Hof zu bewegen.
Dabei wird die Leibnizstraße 24 als ein Ort jüdischen Lebens in Leipzig zwischen 1919 und 1934 erfahrbar, als Wohn- und Bethaus des chassidischen Rabbiners Israel Friedmann. Gleichzeitig thematisiert „Wenn Wände sprechen“ aber auch aus einer persönlichen Perspektive den Umgang mit Brüchen und Kontinuitäten innerhalb der Geschichte des Hauses: 1935 erwarb Hermann Heisigs Urgroßvater Hermann Straube das Haus als Firmensitz für seine Lotterieeinnahme, weshalb es 2023, zwei Generationen später, Hermann Heisig erbte. Anhand des konkreten Beispiels der Leibnizstraße 24 stellt sich die Frage: Wie umgehen mit der Geschichte und ihren Brüchen, wie die eigene Rolle darin reflektieren?
Hinweis: Bitte bringen Sie ein aufgeladenes Smartphone mit Internetzugang (mobile Daten) mit, sowie Kopfhörer.
Künstlerische Leitung: Hermann Heisig und Anne Zacho Søgaard
Interviews & Texte: Hermann Heisig, Anne Zacho Søgaard, Camilla M. Fehér
Musik: Camilla M. Fehér
Stimmen: Bernd-Lutz Lange, Zsolt Balla, Marina Charnis Balla, Bernd Sikora, Rudolf Straube, Maja Straube, Nora Pester, Hannah Wuttke, Ingrid Pietrowski, Hermann Heisig, Anne Zacho Søgaard und Camilla M. Fehér, die Kinder von der Leibnizstrasse 24, Auszüge aus dem Buch „Mein Leipzig“ von Simson Jakob Kreutner
Grafische Gestaltung und Outside Eye: Henriette Aichinger
Dramaturgische und Technische Mitarbeit: Frederike Moormann
Beratung: Mor Demer, Sven Trautmann-Meincke
Produktionsleitung: Ulrike Melzwig, Susanne Ogan
Webseite: Ahndi Klinger
Fotodokumentation: Gustav Franz
Über den Tanzsolo "Goodbye"
Ausgehend von der Familiengeschichte des Choreografen und Tänzers Nitsan Margaliot ist Goodbye ein Solo, das sich auf eine Vergangenheit bezieht, die zugleich sowohl ungreifbar als auch gegenwärtig ist. In Form einer choreografischen Reise durch abwesende Erinnerungen und begleitet vom Flüstern des Klaviers, zeichnet es die fast unmögliche Begegnung mit der Vergangenheit nach.
Sein Großvater, der 1920 in Chemnitz unter dem Namen Adolf geboren wurde, floh während des Holocaust nach Palästina-Israel und änderte seinen Namen später in Abraham. Margaliots zweiter Vorname ist Avraham, in Gedenken an ihn. Nachdem er die Gegenreise unternommen und den größten Teil seines Erwachsenenlebens in Deutschland verbracht hat, versucht Nitsan Margaliot in seinem Werk Goodbye, sich mit seiner belasteten Familiengeschichte zu versöhnen, indem er Spuren aus der Vergangenheit in ein Zusammenleben mit der Gegenwart bringt.
Die Geschichte von Flucht und Sehnsucht, die seine Familie bis heute prägt, konfrontierend, verwandelt Goodbye Erinnerung in Bewegung und Abwesenheit in Präsenz. In gewisser Weise ist es ein Protokoll, um zwei Körper in einem zu beschwören, Margaliot und den Großvater, den er nie kennengelernt hat. Goodbye findet entlang einer Zusammenstellung von Archivresten statt, die choreografisches Material und poetische Ansprache zusammenbringt. Das Stück verwandelt eine angespannte Vergangenheit in physische Abrechnung durch Prozesse des Verarbeitens, Tragens und Neupositionierens.
Choreographie und Performance: Nitsan Margaliot
Dramaturgie: Maxwell McCarthy, Anna Chwiałkowska
Sounddesign und Komposition: Antoine Mermet
Kostümdesign: Kaur Hensel
Produktionsleitung: Charlie Fouchier
Öffentlichkeitsarbeit: Niko Jacobi
Weitere Aufführungen von Goodbye in HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste:
25. 6 26. September 2026, jeweils um 18:30 Uhr, im Rahmen der Programmreihe „Fragments of Life and Art“
Veranstaltungsort & Tickets: HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste - Karl-Liebknecht-Straße 56, 01109, Dresden
Über das Remiversum
Das Remiversum entsteht als genreübergreifender Residenz- und Projektraum aktuell in Leipzig. Initiiert wird er durch die Theaterregisseurin Anne Zacho Søgaard und den Choreografen Hermann Heisig, beide arbeiten seit langem immer wieder im Grenzbereich von Choreografie, experimentellem Theater und partizipativer Performance zusammen. In einem etwa 75 Quadratmeter großen Raum, gelegen im Leipziger Waldstraßenviertel, möchten Søgaard und Heisig ab Herbst 2026 auf Basis ihrer künstlerischen Praxis einen Ort des Austauschs schaffen, der Choreografie, Partizipation und experimentelles Musiktheater verbindet.
Dabei spielt auch die Geschichte des Orts eine wichtige Rolle: gelegen unweit des Leipziger Zentrums, wurde die Leibnizstraße 24 im Jahr 1865 als Wohnhaus mit angrenzender Remise erbaut. Kurz nach Ende des ersten Weltkrieges erwarben Anhänger der chassidischen Glaubensgemeinschaft von Boyan das Haus als Bet- und Wohnhaus für ihren Rabbiner Israel Friedmann, zur Zeit der Weimarer Republik wurde die Leibnizstraße 24 zu einem wichtigen Ort jüdisch-orthodoxen Lebens in Leipzig. Die nazistischen Repressalien ab 1933 nahmen den Leipziger Chassidim ihre finanzielle Grundlage, sie konnten das Haus nicht mehr unterhalten: bereits seit den 1920er Jahren war es mit Hypotheken überschuldet und wurde 1935 zwangsversteigert. Der Lotterieeinnehmer Hermann Straube, Hermann Heisigs Urgroßvater, kaufte das Haus und gestaltete es als Sitz für sein Lotterieunternehmen um, das bis zur Enteignung durch die DDR 1975 bestand. 1997 erfolgte ein Restitutionsverfahren mit anschließendem Vergleich zwischen Hermann Heisigs Großvater Rudolf Straube und der Conference on Jewish Material Claims against Germany, weshalb Hermann Heisig das Haus 2023 von seiner Mutter erbte.
Die Renovierung und Öffnung der Remiversum als einem Ort für Kunst und Gastgeber*innenschaft hat dadurch auch mit dem Wunsch zu tun, mit der Geschichte des Ortes, dem eigenen Erbe und den Brüchen und Verwerfungen des ostdeutschen 20.Jahrhunderts proaktiv umzugehen, gerade in einer Zeit des erstarkenden Rechtspopulismus. Ein wichtiges Element dessen ist dabei auch unsere Doppelrolle als Künstler*innen und Gastgebende, die Ressourcen teilen und für die Zukunft auch neue Stimmen einladen möchten, das Remiversum mitzugestalten.
Über die Künstler*innen
Hermann Heisig ist Choreograf, Tänzer und Performer. 1981 in Leipzig geboren, begann er sich dort ende der 1990er Jahre für zeitgenössischen Tanz zu interessieren und führte zahlreiche autodidaktisch entstandene Solo- Performances in Galerien und Clubs auf. Nach seiner Ausbildung in Berlin und Montpellier arbeitete Hermann als Tänzer und Performer u.a. für Martine Pisani, Meg Stuart/Damaged Goods, Pieter Ampe, Thomas Lehmen, Begum Erciyas und Corinna Harfouch. Innerhalb seiner Choreografien entwickelt er ein eigenwilliges Bewegungsvokabular, das sich Effizienz widersetzt und aus Elementen des Kontrollverlusts Funken schlägt.
So begann mit dem Solo "SLAP/STICK" (2013) eine körperliche Auseinandersetzung mit der Mechanik des Komischen. "slave to the rhythm "(2018), eine freie Interpretation rhythmisch-musikalischer Erziehung nach Emile Jaques-Dalcroze, thematisierte simultane, teils absurde Verbindungen zwischen Musik und Körper. Daraus entstand 2019 die Soloarbeit "singing machine" an den Berliner Sophiensaelen.
In Zusammenarbeit mit der Künstlerin, Autorin und Filmemacherin Anna Zett entwickelte Hermann 2020-21 das Spielformat „Resonanz – Postsozialistische Gruppenimprovisation“, unterstützt durch das Berliner Förderprogramm Künstlerische Forschung. Von 2021- 2024 initiierte aus einer temporären Zwischennutzung heraus FORTUNA, einen selbstorganisierten Raum an der Schnittstelle zwischen choreografischer Recherche und community work, gelegen in einem ehemaligen Büro für Pferdewetten in Berlin Neukölln. 2025 erschien „Hermann Heisig: Timing“ bei Spector Books, Leipzig. Im Januar und Februar 2026 entwickelte Hermann gemeinsam mit Antonia Baehr, Claire Vivianne Sobottke und Jule Flierl die Performance "Gut Gemacht!" im Berliner HAU und an der Residenz des Schauspiel Leipzig.
Anne Zacho Søgaard ist Theaterregisseurin, Kuratorin und Performerin. Sie wurde 1978 in Viborg (DK) geboren, studierte Schauspiel an der ETAGE in Berlin und anschließend Theaterregie an der Statens Teaterskole in Kopenhagen. 2012 erhielt sie den dänischen Reumert-Nachwuchspreis für ihre Arbeiten Das normale Leben und Erwachsene haben keine Angst. Von 2014 bis 2017 war sie Künstlerische Leiterin der Bürgerbühne am Stadttheater Aarhus. Seit 2016 arbeitet sie freischaffend als Regisseurin und Kuratorin in Skandinavien und Deutschland.
Ihr künstlerisches Schaffen umfasst partizipative Rituale, sowohl in Soloarbeiten als auch in vielfältigen Kollaborationen. Als Theaterregisseurin setzt sie sich insbesondere mit Themen wie (weiblicher) Identität, Familie im neoliberalen Zeitalter und der zunehmenden politischen Polarisierung auseinander. Für die Uraufführung Arendt – im Dunkeln sehen (2023), die sich mit Hannah Arendts Werk und Leben auseinandersetzte, wurde sie von Cph Culture in der Kategorie Beste Regie nominiert.
Seit 2020 entwickelt sich ihre Praxis zunehmend interdisziplinär mit einem starken Fokus auf Musik und Performance. 2022 erkundete sie mit O MOTHER WHERE ART THOU? in der Berliner Uferstudios die Schnittstelle von Mutterschaft und Kunst und entwickelte 2024/25 gemeinsam mit der Komponistin Matilde Böcher das interaktive Gesangs- und Tanzritual Dansedybet (2024/2025), das unter anderem mit dem Tenor Mathias Monrad Møller beim Copenhagen Opera Festival präsentiert wurde.
Von 2021 bis 2024 war sie Teil des selbstorganisierten Kunstraums Fortuna Wetten in Berlin-Neukölln, und ist seit Dezember 2023 im Vorstand des Vereins Bühnenmütter e.V. aktiv.
Nitsan Margaliot ist Choreograf und Tänzer mit Sitz in Berlin. In seiner künstlerischen Praxis beschäftigt er sich mit Relationalität anhand queerer, persönlicher und unheimlicher Archive. Seine Arbeit thematisiert subtile Abwesenheiten, verbindet Absurdität mit Poesie und entwirft Formen von Kontinuität in einer fragmentierten Gegenwart. Er hat einen MFA in Tanz von der University of the Arts in Philadelphia. Seine Arbeiten wurden unter anderem bei The 5th Floor Tokyo, 14StreetY NYC, im Archiv der Avantgarden — Egidio Marzona, in den Kunstsammlungen Chemnitz, im Radialsystem, bei den Berliner Festspielen und im Frankfurt LAB präsentiert.
2020 initiierte er gemeinsam mit Sasha Portyannikova und Anna Chwialkowska *Touching Margins*, ein alternatives Archiv. Von 2022 bis 2024 kuratierte er das ACROSS Festival sowie mehrere Ausstellungen in der Galerie Wedding mit. 2025 entwickelte er *BACK TO YOU*, ein abendfüllendes Stück für die Tanzcompagnie des Pfalztheaters Kaiserslautern. 2025–26 war er mit Unterstützung des Bureau du théâtre et de la danse des Institut français Deutschland Artist in Residence an der Cité Internationale des Arts in Paris.
Er arbeitet regelmäßig mit Antoine Mermet, Pol Pi, ZINADA – Jin Lee & Jihun Choi, Milla Koistinen, Stella Geppert, Laura Kirshenbaum, Aoife McAtamney, Esther Siddiquie und dem Solistenensemble Kaleidoskop zusammen.
Produzenten & Förderer
"Wenn Wände sprechen" ist gefördert durch die Stadt Leipzig – Kulturamt, aus dem Stadtbezirksbudget Mitte und durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes. In Kooperation mit dem Bürgerverein Waldstraßenviertel e.V..
“Goodbye - Iterations” ist ein Projekt von 4fT – Tanzplattform Leipzig und Charlie Fouchier, in Kooperation mit dem Ariowitsch Haus und dem Projektraum Remiversum. Das Projekt wird durch das Kulturamt der Stadt Leipzig sowie durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen im Rahmen ihres Förderprogramms TACHELES – Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen gefördert. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes. “Goodbye” ist ein Projekt von Nitsan Margaliot in Koproduktion mit HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste.
Vergangene Veranstaltungen
Veranstaltungen im Rahmen der Jüdischen Woche in Leipzig:
21. Juni 2026, 11:00-14:00 Uhr:
Workshop: Persönliche Geschichten und Archiv im Spannungsfeld von Text, Bild und Körper - Mit Nitsan Margaliot
27. Juni 2026 16:00-17:30 Uhr:
TanzDIALOG - Über | Haltung | Unter: Zwischen Archiv und Körper - Mit Nitsan Margaliot und Dr. Todd Sekuler
Veranstaltungsort: 4fT–Tanzplattform Leipzig - Erich-Zeigner-Allee 64e, 04229 Leipzig